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Empfindliche Herzen: Sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit und Herzfrequenzvariabilität

16. Juli 2026 - Von Jordan Kenemore, Grant Benham, Angela Martinez

Über die Autoren

Jordan Kenemore ist Doktorandin im Fach Klinische Psychologie an der University of Texas – Rio Grande Valley. Der Schwerpunkt ihrer Forschung liegt auf physiologischen Messgrößen der Stressreaktivität und der Erholung bei Frauen. Ihr besonderes Interesse gilt der Frage, wie die Sensibilität der sensorischen Verarbeitung das Stressempfinden beeinflusst und welche Auswirkungen dies auf die Gesundheit hat.

Dr. Grant Benham ist Professor für Gesundheitspsychologie an der University of Texas Rio Grande Valley. Seine Forschung konzentriert sich auf die gesundheitlichen Folgen von Stress und Schlafmangel sowie auf die Rolle individueller Unterschiede – wie beispielsweise sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit – bei der Prägung dieser Folgen.

Angela Martinez erwarb ihren Bachelor of Science an der University of Texas Rio Grande Valley und ist derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Pittsburgh. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf den Bereichen Entwicklungsneurobiologie und psychische Gesundheit, wobei sie sich zunehmend dafür interessiert, inwiefern physiologische Faktoren mit dem allgemeinen Wohlbefinden zusammenhängen.

Zusammenfassung

Eine erhöhte Sensibilität wird oft mit emotionalen Herausforderungen in Verbindung gebracht, kann jedoch auch physiologische Folgen haben. Diese Studie ergab, dass Personen mit einer höheren sensorischen Verarbeitungssensibilität (SPS) eine geringere Herzfrequenzvariabilität (HRV) aufweisen, die ein wichtiger Indikator für Gesundheit und Selbstregulation ist.

Eine Untersuchung der physiologischen Belastung durch Sensibilität

Hochsensible Menschen beschreiben oft, dass sie emotional reaktiv sind oder sich leicht überfordert fühlen. Aber könnte diese Sensibilität auch die Fähigkeit ihres Körpers zur Selbstregulierung beeinflussen? In unserer Studie (1) untersuchten wir die physiologischen Grundlagen der sensorischen Verarbeitungssensibilität (SPS), indem wir deren Zusammenhang mit der Herzfrequenzvariabilität (HRV) untersuchten – einem Indikator dafür, wie gut sich das Nervensystem an wechselnde Anforderungen anpassen kann.

Die HRV gilt allgemein als Indikator für die Funktion des autonomen Nervensystems und spiegelt wider, wie gut der Körper sein physiologisches Gleichgewicht durch dynamische Veränderungen der sympathischen und parasympathischen Aktivität aufrechterhält.

Gemäß der Theorie der neuroviszeralen Integration (NVI) spiegelt eine höhere HRV eine anpassungsfähigere Selbstregulation wider, an der integrierte Aktivitäten verschiedener Hirnregionen beteiligt sind, wie beispielsweise des präfrontalen Kortex und des vorderen Cingulums, die zielgerichtetes Verhalten und die Emotionsregulation unterstützen (2).

Umgekehrt wurde eine geringere HRV mit einer verminderten Selbstregulierungsfähigkeit und einer erhöhten Anfälligkeit für stressbedingte Erkrankungen wie Angstzustände und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht. Während die sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit (SPS) bereits umfassend anhand von Selbstauskunftsmaßnahmen untersucht wurde – wobei ein Zusammenhang mit Faktoren wie emotionaler Reaktivität, Angst und Wohlbefinden hergestellt wurde –, ist die Forschung, die die sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit (SPS) konkret mit objektiven physiologischen Messgrößen wie der HRV in Verbindung bringt, nach wie vor begrenzt (3, 4). Unsere Studie leistet einen ersten Beitrag zur Schließung dieser Lücke, indem sie die SPS mit der autonomen Regulation verknüpft.

Unsere Studie: Sensitivität und HRV im Ruhezustand

Wir haben Daten von 185 jungen erwachsenen Frauen erhoben, die den Fragebogen zur „Highly Sensitive Person“-Skala ausgefüllt hatten und anschließend ein dreiminütiges Ruhe-Elektrokardiogramm (EKG) absolvierten. Auf diese Weise konnten wir sowohl Zeitbereichs- (RMSSD) als auch Frequenzbereichs- (HF-HRV) Messgrößen der Herzfrequenzvariabilität (HRV) erfassen. Wichtig ist, dass wir die Atemfrequenz – einen entscheidenden Faktor, der die HRV-Messungen beeinflusst – als Störfaktor herausrechneten.

Zudem untersuchten wir die Struktur der SPS-Skala mittels explorativer Faktorenanalyse und prüften, ob bestimmte Aspekte der Sensibilität – wie beispielsweise die Leichtigkeit der Erregbarkeit und eine niedrige Reizschwelle – unabhängig mit der HRV assoziiert waren.

Unsere Ergebnisse: Höhere Empfindlichkeit, geringere Flexibilität

Unsere Ergebnisse waren konsistent und eindeutig: Höhere SPS-Werte standen in einem signifikanten Zusammenhang mit einer geringeren HRV, selbst nach Berücksichtigung der Atemfrequenz. Mit anderen Worten: Hochsensible Personen zeigten in Ruhe tendenziell eine verminderte autonome Flexibilität (1).

Wir stellten zudem fest, dass die beiden dominanten SPS-Faktoren – „Leichte Erregbarkeit“ und „Niedrige sensorische Schwelle“ – beide einen negativen Zusammenhang mit der HRV aufwiesen, wenn auch etwas weniger stark als der SPS-Gesamtwert. Dies deutet darauf hin, dass die allgemeine Tendenz zu tiefer Verarbeitung und emotionaler Sensibilität – und nicht nur ein einzelner Aspekt davon – die physiologische Regulation beeinflussen könnte.

Warum dies von Bedeutung ist: Emotionale Sensibilität und körperliche Gesundheit

Diese Studie baut auf früheren Arbeiten auf, die darauf hindeuten, dass SPS nicht nur ein emotionaler oder psychologischer Merkmal ist, sondern auch biologische Korrelate aufweisen könnte, die Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit haben. Frühere Untersuchungen haben SPS mit häufigeren körperlichen Beschwerden und stressbedingten Symptomen in Verbindung gebracht (3, 4). Indem wir einen Zusammenhang mit der HRV aufzeigen, liefern wir einen objektiveren Anhaltspunkt dafür, warum dies der Fall sein könnte.

Eine niedrige HRV wird mit schlechteren Gesundheitsergebnissen in einer Vielzahl von Bereichen in Verbindung gebracht – von der kardiovaskulären Gesundheit bis hin zur emotionalen Regulierung. Wenn hochsensible Personen zu einer niedrigeren HRV neigen, können sie in anspruchsvollen Umgebungen mit höheren physiologischen Belastungen konfrontiert sein, selbst wenn ihr äußeres Verhalten ruhig erscheint.

Unterstützung für hochsensible Menschen

Die gute Nachricht ist, dass die HRV beeinflussbar ist. Es hat sich gezeigt, dass Maßnahmen wie HRV-Biofeedback und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion die Flexibilität des autonomen Nervensystems verbessern (5). Diese Ansätze können insbesondere für Personen mit einem hohen SPS-Wert von Nutzen sein, da sie dazu beitragen, den physiologischen Stress abzufedern, der mit ihrer erhöhten Sensibilität einhergehen kann.

Zukünftige Forschungsarbeiten sollten untersuchen, ob diese Interventionen bei sensiblen Personen anders wirken und ob Umweltfaktoren – wie beispielsweise soziale Unterstützung oder der Kontakt mit der Natur – den Zusammenhang zwischen SPS und HRV beeinflussen.

Indem wir unser Verständnis für die biologischen Aspekte der Sensibilität vertiefen, können wir diejenigen besser unterstützen, die die Welt intensiver wahrnehmen – nicht nur emotional, sondern auch körperlich.

Literatur

  1. Kenemore, J., Benham, G. und Martinez, A. (2025). Eine erhöhte sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit steht im Zusammenhang mit einer verminderten, durch den Vagusnerv vermittelten Herzfrequenzvariabilität. Personality and Individual Differences, 246, 113284. https://doi.org/10.1016/j.paid.2025.113284
  2. Thayer, J. F., Åhs, F., Fredrikson, M., Sollers III, J. J. und Wager, T. D. (2012). Eine Metaanalyse von Studien zur Herzfrequenzvariabilität und zur Neurobildgebung: Implikationen für die Herzfrequenzvariabilität als Marker für Stress und Gesundheit. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 36(2), 747–756. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2011.11.009
  3. Aron, E. N., & Aron, A. (1997). Sensorische Verarbeitungsempfindlichkeit und ihr Zusammenhang mit Introversion und Emotionalität. Journal of Personality and Social Psychology, 73(2), 345–368. https://doi.org/10.1037/0022-3514.73.2.345
  4. Benham, G. (2006). Die hochsensible Person: Stress und Berichte über körperliche Symptome. Personality and Individual Differences, 40(7), 1433–1440. https://doi.org/10.1016/j.paid.2005.11.021
  5. Lehrer, P. et al. (2020). Biofeedback zur Herzfrequenzvariabilität verbessert die emotionale und körperliche Gesundheit sowie die Leistungsfähigkeit: Eine systematische Übersicht und Metaanalyse. Applied Psychophysiology and Biofeedback, 45(3), 109–130. https://doi.org/10.1007/s10484-020-09466-z