Hochsensible Menschen meiden intensive Reize, nicht neue Erfahrungen
11. Mai 2026 - Von Reidulf G. Watten, Frode Volden und Hilde Visnes Trå
Über die Autoren
Reidulf G. Watten ist emeritierter Professor für Psychologie an der University of Inland Norway. Seine Forschung umfasst unter anderem die Bereiche Wahrnehmung, psychoaktive Substanzen, Lebensqualität, Kinderpsychologie, Arbeit und Gesundheit, Persönlichkeit, Umweltpsychologie und sensorische Verarbeitungssensitivität.
Frode Volden ist Associate Professor am Department of Design der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Norwegen. Seine Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Design, visuelle Wahrnehmung, Gesundheit und Sicherheit, Umweltpsychologie sowie sensorische Verarbeitungssensitivität.
Hilde Visnes Trå hat einen Master of Science in Umweltpsychologie an der University of Inland Norway erworben. Sie interessiert sich insbesondere für die Zusammenhänge zwischen sensorischer Verarbeitungssensitivität, Persönlichkeit und Gesundheit sowie städtischen und natürlichen Umgebungen.
Zusammenfassung
In dieser Studie untersuchten wir, wie sensorische Verarbeitungssensitivität mit Sensation Seeking zusammenhängt. Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild: Eine höhere Sensibilität ging mit einer geringeren Präferenz für intensive Stimulation einher, nicht jedoch mit geringerer Neugier oder Neuheitssuche.
Hintergrund
Sensorische Verarbeitungssensitivität (Sensory Processing Sensitivity, SPS) bezeichnet ein angeborenes psychologisches Merkmal, das durch eine erhöhte Reaktionsfähigkeit gegenüber inneren und äußeren Reizen gekennzeichnet ist. Hochsensible Personen weisen häufig eine niedrige Reizschwelle, ein ausgeprägteres Bewusstsein für feine Unterschiede in ihrer physischen und sozialen Umwelt sowie eine Tendenz auf, vor dem Handeln sorgfältig nachzudenken. Statt starke Stimulation zu suchen, halten hochsensible Personen typischerweise „inne und prüfen“ zunächst die Situation: Sie sammeln und analysieren Informationen, bevor sie Entscheidungen treffen (1,2).
Sensorische Stimulation umfasst nicht nur grundlegende Sinnesreize wie visuelle, auditive, gustatorische und olfaktorische Reize. Sie schließt auch komplexere Formen der Stimulation ein, die innerhalb der Person entstehen, darunter emotionale Erregung, kognitive Prozesse, Neugier, Exploration und körperliche Reaktionen.
Diese Formen der Stimulation kommen in dem als Sensation Seeking bezeichneten Verhalten zum Ausdruck. Sensation Seeking wird mit einer Präferenz für stimulierende Musik, einem erhöhten Koffeinkonsum, Alkohol- und Substanzkonsum, zu schnellem Fahren und Risikobereitschaft sowie mit Neugier, Exploration und intensiven oder vielfältigen Sinneserfahrungen in Verbindung gebracht (3-5).
Obwohl SPS und Sensation Seeking häufig als gegensätzliche Tendenzen betrachtet werden, wurde ihr Zusammenhang bislang nur begrenzt empirisch untersucht
Ziel der Studie
In dieser Studie wollten wir genauer untersuchen, wie SPS mit Sensation Seeking zusammenhängt (6). Sensation Seeking umfasst zwei Hauptdimensionen:
- Neuheitssuche: das Bedürfnis nach neuen Erfahrungen
- Intensitätssuche: das Bedürfnis nach starker und emotional aktivierender Stimulation
Wir gingen davon aus, dass Sensation Seeking negativ mit SPS zusammenhängt. Darüber hinaus erwarteten wir, dass die Intensitätssuche einen stärkeren Zusammenhang mit SPS aufweist als die Neuheitssuche.
Methode
Die Stichprobe umfasste 625 Teilnehmende, darunter 225 Frauen und 400 Männer, die aus dem universitären Umfeld und der Allgemeinbevölkerung rekrutiert wurden. SPS wurde mithilfe der Highly Sensitive Person Scale (HSP-Skala) erfasst (1). Sensation Seeking wurde mithilfe des Arnett Inventory of Sensation Seeking (AISS) gemessen (7).
Das AISS umfasst zwei Subskalen: die Subskala Novelty Seeking (AISS-N), die das Bedürfnis nach neuen Erfahrungen erfasst, und die Subskala Intensity Seeking (AISS-I), die das Bedürfnis nach intensiver sensorischer Stimulation und aufregenden Erfahrungen erfasst (7, 8).
Befunde
SPS und Sensation Seeking: miteinander verbunden, aber unterscheidbar
Unsere Ergebnisse zeigten, dass die Intensitätsdimension des Sensation Seeking signifikant mit SPS zusammenhing, die Neuheitsdimension dagegen nicht. Hochsensible Personen berichteten eine geringere Präferenz für intensive sensorische Stimulation, während ihr Interesse an neuen Erfahrungen weitgehend unabhängig von ihrer SPS-Ausprägung war.
Darüber hinaus erzielten Männer im Vergleich zu Frauen höhere Werte in beiden Dimensionen des Sensation Seeking und niedrigere Werte auf der HSP-Skala (siehe Tabellen 1 und 2).
Das Vermeiden intensiver Reize als adaptive Strategie
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass hochsensible Personen ihre Exposition gegenüber Stressoren in ihrer Umwelt aktiv begrenzen und sowohl die Menge als auch die Intensität sensorischer Reize reduzieren. Dieses Muster sollte nicht als generelles Vermeidungsverhalten oder als mangelnde Neugier interpretiert werden, sondern vielmehr als adaptive Bewältigungsstrategie von Personen, die sensorische und emotionale Informationen tiefer verarbeiten (9).
Niedrigere Werte auf der AISS-Subskala zur Intensitätssuche spiegeln eher eine Präferenz für ein geringeres Erregungs- und Komplexitätsniveau wider als eine generelle Zurückhaltung gegenüber neuen Erfahrungen.
Sensibilität, Stimulation und individuelle Unterschiede
Das beobachtete Muster stützt die Annahme, dass sensorische Verarbeitungssensitivität und Sensation Seeking sowohl empirisch als auch theoretisch miteinander zusammenhängen. Menschen unterscheiden sich darin, wie viel Stimulation sie benötigen oder tolerieren. Diese Unterschiede beeinflussen, ob sie ihr sensorisches Stimulationsniveau eher erhöhen oder reduzieren.
Unsere Ergebnisse stützen zudem die Annahme, dass die HSP-Skala die Sensitivität gegenüber der Intensität komplexer Stimulation erfasst, einschließlich emotionaler und kognitiver Reize, und nicht lediglich die Sensitivität gegenüber grundlegenden Sinnesreizen (10).
Fazit
Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine höhere sensorische Verarbeitungssensitivität mit einer geringeren Präferenz für intensive sensorische Stimulation einhergeht, während die Neuheitssuche weitgehend unabhängig von der Sensibilität ist. Dieses Muster zeigte sich über die gesamte Stichprobe hinweg und spiegelt unterschiedliche Strategien wider, mit denen Menschen ihr Stimulationsniveau im Alltag regulieren.
Sensorische Verarbeitungssensitivität und Sensation Seeking können daher als miteinander verbundene und teilweise überlappende Phänomene verstanden werden, nicht als gegensätzliche Merkmale. Diese Differenzierung trägt dazu bei, verbreitete Missverständnisse über Sensibilität zu korrigieren, und hebt den adaptiven Charakter sowohl hoher als auch geringer Sensibilität hervor.

Literatur
- Aron EN, Aron A. Sensory-processing sensitivity and its relation to introversion and emotionality. Journal of personality and social psychology. 1997;73(2):345.
- Lionetti F, Pastore M, Moscardino U, Nocentini A, Pluess K, Pluess M. Sensory processing sensitivity and its association with personality traits and affect: A meta-analysis. Journal of Research in Personality. 2019;81:138-152.
- Watten RG, Watten VP. Personality factors explain differences in alcoholic consumption among young adults. Journal of Substance Use. 2010;15(3):226-235.
- Roberti JW. A review of behavioral and biological correlates of sensation seeking. Journal of research in personality. 2004;38(3):256-279.
- Breivik G, Sand TS, Sookermany AM. Risk-taking and sensation seeking in military contexts: A literature review. Sage open. 2019;9(1):2158244018824498.
- Watten RG, Volden F, Trå HV. Sensory processing sensitivity is negatively associated with sensation seeking. Current Issues in Personality Psychology. 2024;12(4):277.
- Arnett J. Sensation seeking: A new conceptualization and a new scale. Personality and individual differences. 1994;16(2):289-296.
- Mallet P, Vignoli E. Intensity seeking and novelty seeking: Their relationship to adolescent risk behavior and occupational interests. Personality and Individual Differences. 2007;43(8):2011-2021.
- Setti A, Lionetti F, Kagari RL, Motherway L, Pluess M. The temperament trait of environmental sensitivity is associated with connectedness to nature and affinity to animals. 2022;8(7).
- Aron EN, Aron A, Jagiellowicz J. Sensory processing sensitivity: A review in the light of the evolution of biological responsivity. Personality and Social Psychology Review. 2012;16(3):262-282.